Vor kurzem hatte ich ein Gespräch mit einer Person, das zeigt, wie schwer es für uns ist, trotz ernster Anzeichen eine Kehrtwendung hinzubekommen. Was war geschehen?

Eigentlich der "Standard": festgerannt in negativen Verhaltensweisen und Denkmustern, kreisenden Gedanken, mit Schlaflosigkeit und starken, psychisch bedingten Verspannungen, bereits als erstes Warnzeichen eine Krankschreibung, hat sich die Person an mich gewandt. Und, nicht überraschend, eine schnelle Lösung erhofft - um wieder "funktionieren" zu können.

Leider "funktioniert" das eben so nicht - es gibt keine rote oder blaue Pille, um das Problem magisch zu lösen. Um Enttäuschungen zu vermeiden, habe ich das auch so klar formuliert. 

Was soll denn auch funktionieren? Lange eingeübte negative Verhaltensmuster bei Stress und schlechten äußeren Einflüssen haben etwas ausgebildet, was jetzt schadet. Über Jahre wurden Belastungen angehäuft und angehäuft, wie bei einem Gebäude wurde die Last immer größer und größer, bis durch einen kleinen zusätzlichen Schubs alles in sich zusammenfällt - und das soll plötzlich wie von Geisterhand verschwinden?

Natürlich können wir etwas gegen die akuten Beschwerden unternehmen - das gehört zur ersten Phase beim  Ablauf der Beratung. Wir können schon Gesamtbefindlichkeit aufpäppeln, mit natürlichen Heilkräften etwas die Stimmung heben, vielleicht auch den Schlaf etwas "anschieben". Für kurze Zeit sehr gut, nützen sich diese Mittel aber auf Dauer und mit Dauerbelastung schnell ab. Gerade bei Schlafmitteln führt diese Krücke dann oft in die Abhängigkeit, weil es sonst "ohne" gar nicht mehr geht, bei "härteren" Wirkstoffen auch, weil sich die Schlafphasen aktiv verschieben. Der Körper lässt sich eben nicht hinter das Licht führen, und wenn, dann nur kurzfristig. 

Dieses Aufpäppeln, die Zufuhr von Energie von außen, soll uns die Energie geben, aktiv bei uns anfangen, das Grundproblem zu lösen, an uns arbeiten. Das ist nicht leicht, ganz im Gegenteil. Wer will sich schon seine Fehler und Schwächen eingestehen? Den zarten Schleier der Selbsttäuschung zerreißen, dem eigenen Elend ins ungeschminkte Angesicht blicken? Wir alle sind nur Menschen, und nichts ist unangenehmer als die erste Selbsterkenntnis - der berühmte erste Weg zur Besserung. Uns geht es sowieso schon schlecht, warum sollen wir uns dann noch so etwas antun? Denn der Geist ist willig, aber das Fleisch eben schwach.

Spannenderweise war die Person schon in Behandlung in einer Heilpraktiker-Praxis. Wie mir geschildert wurde, wurde da mit einem Gerät Verspannungen gemindert, die dadurch auch die Verbindungen zu schlechten Denkmustern kappen sollen. Aha. Wäre das nicht eigentlich der Freifahrtschein für die Party, die immer weiter gehen kann, so lange mir jemand den dicken Kopf am nächsten Tag streichelt? Ein wahres Perpetuum Mobile? Für beide Seiten ergibt sich natürlich ein "Vorteil": der Patient muß keinerlei Anstrengung machen, sich zu ändern - die Ursache der Verspannung zu ergründen, die ja nur ein Abbild der psychischen Anspannung sind, die Denkmuster zu durchbrechen, durch eine neue Sicht der Dinge und Probleme sein Leben besser zu meistern. Das "übernimmt" ja die Maschine. Und der Therapeut hat eine stetige Einnahmequelle, denn die Verspannung mag vielleicht für den Moment gelindert werden, das funktioniert bestimmt, sie wird aber immer wieder kommen, denn die Ursache ist ja noch da. Das brennende Haus wird nicht gelöscht, sondern nur ab und zu dezent eingenebelt. Das Problem dabei: irgendwann hat das Feuer das Haus aufgezehrt, bis nur noch Asche übrig bleibt. Dann ist die Party endgültig vorbei. Und zwar richtig - das müssen dann oft leider die Profis aus der Psychotherapie/Psychiatrie richten.

Wir leben alle in unserer eigenen Bequemlichkeit. Das treiben wir so weit bis zur eigenen Selbstzerstörung. Wie der sprichwörtliche Frosch warten wir so lange ab, bis das Wasser zu heiß ist und uns schadet. Und noch nicht einmal dann unternehmen wir etwas, denn es geht uns da ja schon schlecht. nach dem Prinzip Hoffnung geht es weiter bis zur Katastrophe: das waren auch die Worte, die die Person zu mir zum Abschluss sagte: sie wäre eben "an die Wand genagelt" und könnte da nichts machen. Und das, obwohl eigentlich die Erkenntnis da war, das etwas geändert werden muß. 

Wirklich? Durch "Umstände" "an die Wand genagelt"? Falsch! Die Person hat sich selbst an die Wand genagelt, und im Moment scheint sie sich dort vielleicht nicht mehr wohl zu fühlen, es geht ihr aber noch gut genug, um mit der Situation auszukommen. Um sich von der Wand loszureißen - dafür reicht es eben nicht. Noch nicht?

Fehler und Mängel erkennen ist nie schön. Und es geht auch nicht schnell - leider. Aber es ist ein Weg, der sich lohnt, und je früher er begonnen wird, desto besser. Und die großen Steine auf dem dunklen Weg, die zuerst die Schritte blockieren und uns stolpern lassen, werden nach und nach immer kleiner und feiner, und man sieht immer mehr das Licht. Bis man wieder auf gerader Strecke im Sonnenschein schön und entspannt durch sein Leben schreiten kann.

Laufen Sie los!